Der Weber des Leids“ ist der erste Teil einer mehrteiligen Reihe und beginnt mit den Geschicken, dem Wohl und Wehe einer Familie in Genua des 16. Jahrhunderts. Es ist ein teils historisches, mystisches Drama mit starken Emotionen und spannenden, verqueren, verzweifelten Charakteren. Eine Leseprobe findet ihr unten. 🙂

„Der Weber des Leids“ wird verfügbar sein über den Verlag „Neues Leben“

…und nun willst du mir sicher wieder erzählen, König Phillip tut uns nur einen Gefallen mit all den Aufträgen, ja?“

Nicht nur… Ich meine, nicht viele Provinzen sind der spanischen Krone wohl gesonnen… Und wir haben die größte Kriegsmarine ganz Italiens. Ligurische Schiffe sind berühmt. Natürlich tut er es nicht nur aus Freundlichkeit… Auch wegen seines Rufs.“

Hm… und du denkst dass der Preis für einen König wie Phillip eine größere Rolle spielt als sein Ruf?“

Nein… natürlich nicht. Aber ist es seinem Ruf nicht zuträglich, zu wissen wo er die beste Ware für sein Geld bekommt?“

Mag sein… Ich glaube ein König ist mehr auf sein eigenes Prestige bedacht, auf die Loyalität der Männer unter seinem Banner, auf sein Gesicht bei Hof.. als nur auf glitzernde Münzen…“

Und ich glaube Münzen und Prestige gehen Hand in Hand. Und er ist ein kluger Herrscher.“

Du glaubst ihn zu edel mein Recke…“

Und du schätzt ihn zu hinterhältig, verdammte Geldwechslerin…“

Die beiden lachten und hoben die Köpfe in die warme, salzige Brise, die über die Anhöhe wehte.

Drei Wochen waren vergangen, seit dem Tag an dem Anita Mario gestattet hatte, sie nach Hause zu begleiten. Drei Wochen voll bangem Warten, voller Zweifel. Nach zehn Tagen hatte sich Silvia bereiterklärt, für Anita einen Brief zu überbringen. Marios Antwort fand ihren Weg ebenfalls nur durch das Zutun seiner Schwester und schließlich schrieben sie sich eine Woche lang jeden Tag. Bis Silvia ihnen beiden unmissverständlich klar machte, was sie zukünftig mit ihren Zettelchen machen konnten, wenn sie weiterhin  zu feige waren sich von Angesicht zu Angesicht zu sagen, dass sie sich wünschten, den anderen wieder zu sehen. Auf Anitas Flehen hin überbrachte sie dann, vor ein paar Tagen noch einen letzten Brief.

Ich bin froh dass du gekommen bist.“, sagte sie lächelnd und lehnte sich gegen Marios Schulter.

Mario zuckte erschrocken zusammen, wollte instinktiv die Hand zur Abwehr heben. Doch er entspannte sich fast im gleichen Augenblick wieder, legte seinen Kopf gegen ihren und blickte über die Wellen.

Ich auch… auch wenn ich zuerst nicht sicher war, ob ich es tun sollte.“

Warum? Wegen dieser seltsamen Geschichte mit der Cassigliere Familie?“

Die Geschichte ist nicht seltsam! Sie…“, fuhr Mario auf, brach jedoch schnell wieder ab.

Entschuldige.“, fügte er hinzu.

Sollen wir über etwas anderes reden?“

Was denn? Du hast mir schon deutlich genug klar gemacht, dass du meine Ansichten zu Genuas Handel mit spanischen Admirälen nicht teilst.“, feixte er und schaute beleidigt.

Das ist doch nicht wahr!“

Natürlich, du…“

Ich habe gesagt, ich glaube nicht, dass König Philip Beziehungen zu Genua über einen deutlichen Preisvorteil stellt. Wir sind zu klein. Das war alles! Du drehst mir die Worte im Mund um!“

Tue ich das, ja?“, antwortete Mario gereizt. „Vielleicht wählst du auch einfach den falschen Ausdruck!“

Anita richtete sich auf und starrte ihn wütend an. Sie schien keine Worte zu finden, die ihr richtig genug erschienen um sie ihm entgegen zu werfen, und so schwieg sie.

Sie lehnten still nebeneinander, starrten hinaus über die Wellen der Hafeneinfahrt.

Entschuldige…“, sagte Mario schließlich leise.

Anita starrte weiter über die See.

Manchmal denke ich darüber nach, wie es wäre, weit weg zu sein. Irgendwo, wo ich nicht in einer Hütte zwischen Fischgedärm schlafen und mich davor fürchten müsste…“

Was? Wovor fürchten?“

…nicht genug zu essen zu haben.“, fügte Anita rasch hinzu.

Mario kicherte und senkte den Kopf.

Was… ist daran lustig?“ Anita blinzelte unsicher.

Nichts… Es ist nur, diese Ironie.“

Was für eine Ironie? Nichts genug zu essen zu haben? Das amüsiert dich?“

Nein, das nicht.. zumindest nicht auf diese Weise. Nur… in meiner Familie ist es ähnlich. Nicht so schlimm wie bei dir, das will ich damit nicht sagen…“

Ja, bei mir ist es schon wirklich schlimm…“ Anita grinste böse.

Ach, ich meine doch, dass wir uns in all dem Reichtum, zwischen all den Geschäften und den Leuten, die mit Goldzecchini um sich werfen, immer noch Sorgen müssen, nicht zu verhungern. Wir müssen uns unter Wert verkaufen, um leben zu können. Verkaufen wie…“

Wie Prostituierte? Ja… jeder auf seine eigene Weise.“

Anita seufzte und Mario zog unmerklich den Kopf zwischen Schultern.

Hast du schon mal eines dieser Anwesen von innen gesehn?“

Sie warf ihm einen skeptischen Blick zu.

Ich hab dir doch erzählt das meine Mutter für …sie… arbeitet?“

Oh…“, meinte Mario düster.

Ja… hast du. Das heißt… du hast deine Mutter begleitet?“

Einmal ja, als der alte Monsignore noch etwas umgänglicher war… Vor einigen Jahren. Es war schön. Atemberaubend, um ehrlich zu sein.“

Ja… da bin ich sicher.“ Marios Stimme verfinsterte sich noch weiter.

Doch es war auch gleichzeitig so…leblos.“, fuhr Anita fort.

So viele Menschen, und doch auf jedem Schritt einsam. Meine Mutter sagte mir sie könnte, wenn sie spät Abends Dienst hatte, die Stille kaum ertragen. Es ist wie ein großer Sarg. Kalt und still. Jedes Geräusch wie ein vielfacher Donnerschlag.“

Wie poetisch.“

Anita kicherte und stupste ihm den Ellbogen in die Seite.

Lesen muss schließlich für irgendetwas gut sein.“

Du kannst lesen?“ Mario starrte sie überrascht an.

Naja.. ich.. ein wenig.. nicht perfekt. Ich stottere oft. Und.. Ich habe nur ein Buch.“ Anita errötete

Liest du mir irgendwann daraus vor?“

Nein!“, rief sie schockiert, senkte jedoch sofort erschrocken den Kopf und errötete noch etwas mehr.

Mario blinzelte irritiert, als wüsste er nicht ob er nun lachen oder schmollen sollte. Doch er ließ es dabei bewenden und reckte den Kopf in den warmen Wind.

Weißt du… ich…“, begann er, seufzte entnervt und brach ab.

Was?“, fragte Anita leise.

Naja… Ich meine ich.. fühle mich nicht allzu schlecht in deiner Nähe.“

Vielen Dank?“, murmelte Anita skeptisch.

Du weißt was ich meine…“

Nein.“

Was… Ich bin nicht gut in solchen Dingen.“

Ich auch nicht.“

Anitas Hände krampften sich umeinander und ließen das weiß ihrer Knöchel durch die Haut schimmern.

Wenn ich mit dir zusammen bin, dann ist da kein Gefühl von Zweifel und.. keine Unsicherheit, keine Erwartung eines Angriffs irgendeiner Art oder… die Möglichkeit in Frage gestellt zu werden. Weißt du jetzt…was ich meine?“

Nein…“, sagte Anita erneut. Ihre Stimme zitterte und sie wagte es nicht, ihn anzusehen.

Aber es klingt aufrichtig und schön.“

Mario lächelte.

Und ich erzähle dir über die Cassiglieres und warum…“

Du musst nicht, wenn du nicht willst…“, warf sie ein, doch Mario unterbrach sie.

Ich weiß. Aber ich möchte. Ich glaube es hilft, meine Gedanken zu ordnen. Schon das erste Mal ist mir aufgefallen, dass ich in deiner Nähe gelassener sein kann…“ „Nun, nicht in dieser Art.“, fügte er nervös grinsend hinzu, als er ihrem fragenden Blick gewahr wurde.

Ich… denke an tausend Dinge gleichzeitig und winde mich wie Schilf im Regen, doch ich fühle mich…anders. Als wäre ich dafür geschaffen worden in deiner Gesellschaft zu sein…“

Geschaffen haben mich die Allmacht Gottes, die höchste Weisheit und die erste Liebe.“, murmelte Anita mit zusammengekniffenen Augen in den Wind.

Vor mir ist kein geschaffnes Ding gewesen. Nur ewiges.. und ich muss ewig dauern.“

Was? Das ist schön. Ich wusste nicht dass du Gedichte magst?“

Nun weißt du es.“, lächelte sie.

Doch diese Zeile ist nicht von mir… sie ist aus diesem Buch… “

Das aus dem du mir nicht vorlesen wolltest meinst du?“, feixte Mario erneut.

Ja und dabei bleibt es auch wenn du dich über mich lustig machst.“ In Anitas Stimme lag ein genervter Unterton.

Marios Antwort war betretenes Schweigen.

… wenn du willst, lese ich dir daraus vor. Aber wenn du lachst, dann lese ich kein Wort weiter!“

Ist gut.“, sagte Mario sanft.

Gut.“ Anita nickte. „Also.. willst du?“

Jetzt?“, fragte Mario überrascht.

Ja…? Nicht? Wir müssen nicht.. Ich dachte nur vielleicht… wir können auch hier bleiben, es ist schön hier…“

Doch, ich würde dich sehr gern lesen hören.“, sagte Mario schnell und nahm ihre Hand.

Beide blickten hinab auf ihre verschränkten Finger, als hätte sich gerade ein bunt gefiederter Fisch darauf nieder gelassen.

Nun… dann, sollen wir gehen?“, fragte Anita mit am heutigen Tag nicht zum ersten Mal erröteten Gesicht.

Gern…“, antwortete Mario und stand auf.

Ich…sehr gern.“

Eine halbe Stunde des Marsches über sonnendurchflutete Wiesen, aufgeheizten Asphalt und immer verwahrlostere Gassen und zwielichtige Etablissements später atmete Mario erleichtert auf, als sie endlich aus dem engen Zwischenraum schlüpften und in staubiges Zwielicht spärlicher Sonnenstrahlen traten. Anita hielt sich schützend eine Hand vor die Augen und blinzelte nach oben. Unzählige Wäscheleinen waren zwischen den schäbigen Balkonen über ihnen gespannt und hielten das Sonnenlicht zum größten Teil von dem kleinen Innenhof fern. Nur hier und da blitze grell ein kleiner Tropfen Licht hindurch, fand seinen Weg zu ihnen hinab und warf unförmige, zuckende Lichtkegel auf Abraum und Tand.

Erneut willkommen in meinem Reich…“, sagte sie leise und lächelte humorlos.